Prognosen und Rituale
haben uns über den Jahreswechsel begleitet und bestimmen jetzt den Blick in die Zukunft, denn der hat Konjunktur.
Zu gern möchten wir doch genau wissen, wie es weitergeht. Je unsicherer die Zeiten, desto größer das Sicherheitsbestreben. Die beliebten Prognosen, die wissenschaftlich fundierten Voraussagen, haben zwar schon oft nicht gestimmt (selbst der ehrenwerte Club of Rome irrte häufig), aber selbst zum Ritual geworden, vermitteln sie ein Gefühl von Sicherheit.
Tempo
Auch ich gab mich kürzlich einem „Blick in die Zukunft“ hin und hörte in einer kleinen Darmstädter-Runde dem Vortrag einer Uni-Professorin zu. Sie berichtete über die wichtigsten Trends in der Wirtschaft. In Windeseile ging es von Overhead-Folie zu Overhead-Folie und mit wachsender Begeisterung berichtete sie uns – natürlich jeweils nur kurz – wie sich die Kunden und die Arbeitswelt verändern, wie die neuen Technologien dominieren, wie alle Geld- und Informationsströme global werden. Alles wird sich beschleunigen und sie freut sich schon, zuhause in virtuellen Welten einzukaufen und sich von einem Roboter das Frühstück ans Bett bringen zu lassen.
Bitte keine Perfektion
Nur vor der Perfektion sollten wir uns hüten. Was perfekt ist, braucht keine Weiterentwicklung und stirbt. Perfektion ist Tod! Es setzte eine heftige Diskussion ein, denn nicht alle Zuhörerinnen (es war eine reine Frauenrunde) teilten ihre Begeisterung. Ich war fasziniert, aber weniger von den Trends, als vielmehr von ihr. Sie überzeugte derart mit ihrer Freude und dem Glauben, dass alle Veränderungen für uns und für sie positiv sind, dass ich dachte: Okay, dann will ich das auch so sehen.
Wir wissen, dass wir Veränderungen nicht verhindern können. Wir würden sonst noch auf Bäumen sitzen. Es stellt sich nur jeder die Frage:
„Wie komme ich möglichst unbeschadet dahin?“
Die Zunahme an psychosomatischen Krankheiten, wie zum Beispiel Depressionen, ist ein deutliches Zeichen. Depressiv wird, wer bevorstehende Veränderungen erkennt, für den aber das Ziel noch nebulös oder zu langsam erreichbar ist.
Der Deutsche sitzt gern im Zyklon
Als heilende Lösung wird in diesen Fällen oft das bewusste Leben im Hier und Jetzt, das leben von Tag zu Tag, empfohlen. Manch einer „sitzt“ Veränderungsprozesse scheinbar aus. Eine Marktforschungsstudie in Europa kam zu dem Ergebnis, dass speziell die Deutschen das „Aussitzen“ bevorzugen.
Da sich das Tempo einer Entwicklung wie in einem Zyklon beschleunigt, ist es in seiner Mitte ruhig. Der Blick ist frei für das, was sich entwickelt. Kein schlechter Platz!
Mal Ordnung, mal Intuition
In Gewohnheiten stecken heilende Kräfte. Rituale sind ein raffinierter Trick, um besser mit Stress und Angst umzugehen. In den trostlosen Wintermonaten hangeln wir uns deshalb auch gern von Feiertag zu Feiertag, von Martins- über Weihnachtsgans bis Silvesterkarpfen und endlich Karnevalskrapfen. Den Stunden des Innehaltens und Trauerns in den dunklen Monaten setzt der Rheinländer bewusst schon ab 11. 11. die Eröffnung der Karneval-Session entgegen.
Manchmal brauchen wir mehr festgelegte Ordnungen, mal weniger, dann verlassen wir uns auf unsere Intuition, denn Intuition wird salonfähig. Wirtschafsbosse, von der Ratio bestimmt, üben Intuition und Bauchgefühl in Seminaren, weil die Erfolgreichen über ihren Erfolg sagen:
„Zu zehn Prozent waren es Fertigkeiten und Kenntnisse, aber zu neunzig Prozent war es die Intuition bei Entscheidungen.“
„Es war gar kein Alkohol!“
Unser Darmstädter „Blick in die Zukunft“ schloss mit einem rituellem Glas Geburtstags-Sekt. Meine Tischnachbarin lehnte aber entschieden ab, da sie nie Alkohol trinkt. Kürzlich, so erzählte sie, „wurde mir zur Begrüßung auf einer Party ein Cocktail gereicht. Ich war überrumpelt und trank ihn. Prompt fuhr ich dann die Regentonne an meinem Haus um. Als ich das dem Gastgeber am nächsten Tag berichtete, meinte er nur verschmitzt:
„In dem Cocktail war aber gar kein Alkohol.“
Womit sich nun mal wieder bestätigt, was wir immer schon wussten: Wir erleben, was wir glauben. Betrachten wir die Zukunft also als interessante Herausforderung, dann wird sie uns gefallen.
Mit den besten Wünschen für ein gesundes und erfolgreiches neues Jahr
Ihre Karin Springefeld
Chefredakteurin
Ideen und Anregungen bitte an: karin.springefeld@web.de




